Die Aussage einer Studie zu Impfung und Schwangerschaft wurde aufgrund eines Denkfehlers komplett ins Gegenteil verdreht. Obwohl der Fehler schnell bemerkt wurde, sorgen die Liebhaber der Desinformation und Falschinformation weiterhin für dessen Verbreitung. Fakt ist: geimpfte Schwangere haben laut Studie ungefähr genau das gleiche Risiko einer Fehlgeburt wie die nicht geimpften.

Der CH Media Faktencheck, Teil 3, erklärt, wie das einem pensionierten Kardiologen gelang.

Impfskeptiker hält sich für schlauer, als die Experten

Wie die Zeitung berichtet, versuchte ein pensionierter belgischer Kardiologe namens Serge Stroobandt ausgerechnet bei einem Artikel, der im April im angesehenen «New England Journal of Medicine» erschienen war – einer der angesehensten medizinischen Fachzeitschriften weltweit – einen Fehler zu finden und dann auch meinte, einen gefunden zu haben.

In einem Kommentar zur Studie des amerikanischen Epidemiologen Tom Shimabukuro behauptete er, «aus den Daten gehe hervor, dass es bis zur 20. Schwangerschaftswoche bei den geimpften Studienteilnehmerinnen eine «alarmierende Rate von 82 % Fehlgeburten» gegeben habe.»

Fake News verbreiten sich schneller als die Wahrheit

Zwar antworteten die Studien-Autoren dem Kritiker und erklärten seine Fehlüberlegung, aber das half nicht mehr. Die Fake News verbreiteten sich rasch. Kein Wunder: Dass vier von fünf geimpften Frauen eine Fehlgeburt haben sollen, ist verstörend. Als das St. Galler Tagblatt am 6. September die Studie zitierte, wiederholten zwei Leser in Mails die Behauptung.

Impfskeptiker stellt Zahlen ins falsche Verhältnis zueinander

In der Studie wurden Daten von fast 4000 amerikanischen Frauen ausgewertet, die sich vom 14. Dezember 2020 bis zum 28. Februar 2021 gegen Corona hatten impfen lassen und schwanger waren oder es kurz darauf wurden.

Mehr als 3’000 dieser Frauen waren zum Zeitpunkt der Datenanalyse im März noch schwanger. Nur bei 827 Frauen war die Schwangerschaft bis dahin vorbei.

Logischerweise sind unter diesen vor allem jene, die bereits in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft gewesen waren. Ebenso befinden sich unter diesen 827 Frauen auch jene, die ihr Kind schon früh verloren hatten.

Weiter geht es im Tagblatt:

Der Kardiologe Stroobandt machte nun einen Vergleich, bei dem er die Fehlgeburten falsch gewichtete – massiv falsch. Er setzte die 104 Fehlgeburten, die es bei den 827 Frauen bis zur 20. Woche gegeben hatte, in Relation mit den 127, die sich im ersten und zweiten Trimester (bis 27. Woche) hatten impfen lassen. Er vernachlässigte all jene, die noch schwanger waren. So kam er auf die alarmierende ­Abort-Rate von 82 Prozent.

Logischerweise war nur von jenen früh geimpften Frauen der Ausgang der Schwangerschaft bereits bekannt, die ihr Kind früh verloren hatten. Zudem ist im ersten Trimester (bis 12. Woche) das Fehlgeburtsrisiko relativ hoch, sinkt dann und nach der 20. Woche kommt es nur noch selten zu Fehl- beziehungsweise Totgeburten.

Der tatsächlichen Abortrate wäre der belgische Kritiker näher gekommen, wenn er die Rechnung mit allen 1132 Frauen gemacht hätte, die sich im ersten Trimester hatten impfen lassen, aber deren Schwangerschaften noch nicht alle abgeschlossen waren. Wenn er diese den 104 Fehlgeburten gegenübergestellt hätte, wäre er auf eine Abort-Rate von 9,2 Prozent gekommen. Selbst wenn man ein paar zusätzliche Aborte dazurechnen würde, die später vielleicht noch passieren, würde die Abort-Rate im Bereich der 10 bis 26 Prozent liegen, welche bei Schwangerschaften normalerweise gilt. Und nicht bei alarmierenden 82 Prozent.

Die Studien-Autoren hüteten sich davor, eine Fehlgeburtenwahrscheinlichkeit aus ihren noch unvollständigen Zahlen abzuleiten. Sie schrieben jedoch bezüglich der anderen Risiken: «Obwohl nicht direkt vergleichbar, scheinen die Verhältnisse der unerwünschten Schwangerschaftsereignisse (Frühgeburt, geringes Gewicht, Abnormalitäten und Tod des Neugeborenen) bei den Teilnehmerinnen mit vollendeter Schwangerschaft ähnlich zu sein wie in Studien vor der Pandemie».

Keine alarmierenden Zeichen bezüglich Schwangerschaft und Impfung

Guillaume Favre, Gynäkologe und Forscher am Universitätsspital Lausanne, sagt dazu: «Das wichtige Ergebnis dieser Studie war, dass es keine alarmierenden Zeichen bezüglich Schwangerschaft und Impfung gab.» Die Studie sei vorzeitig veröffentlicht worden, weil es wichtig sei, die ersten Zeichen zu sehen. «Man kann sich in einer Pandemie nicht nur auf abgeschlossene Studien stützen, denn diese erscheinen mit monatelanger Verzögerung.» Wichtig seien deshalb auch die Echtzeit-Analysen des amerikanischen Gesundheitsministeriums, welches die Daten des V-Safe-Überwachungsprogramms sammelt. «Das CDC würde sich sofort melden, wenn es ein erhöhtes Risiko gäbe, kein Staat will seine schwangeren Frauen gefährden.»

Risiko einer Fehlgeburt mit und ohne Impfung gleich gross

Letzte Woche wurde ein neuer Artikel aus den V-Safe-Daten publiziert, diesmal speziell zur Fehlgeburtswahrscheinlichkeit zwischen der 6. und 20. Woche. Davor ist die Schwangerschaft oft noch nicht bekannt und so auch die Abort-Rate nicht. Die Autoren analysierten die Daten von über 2000 Frauen, die kurz vor der Schwangerschaft oder bis zur 20. Woche geimpft worden waren. Demnach betrug das Fehlgeburtsrisiko 14 Prozent – beziehungsweise 13 Prozent, wenn man das eher hohe Durchschnittsalter dieser Frauen herausrechnet. Das Fazit: «Unsere Ergebnisse legen nahe, dass das Risiko einer Fehlgeburt nach einer mRNA-Covid-19-Impfung vor oder nach der Empfängnis übereinstimmt mit dem erwartbaren Risiko einer Fehlgeburt.»

Guillaume Favre kritisiert das lange Zuwarten des Bundes für die Empfehlung der Impfung, denn das Risiko für Schwangere sei gerade in der Delta-Welle noch höher. In ­Krisen sollte auf das Risiko fokussiert werden. Er erzählt das Beispiel einer Frau in Guinea, der in der Ebolaepidemie 2015 die Impfung verweigert wurde, weil sie schwanger war. Sie infizierte sich im siebten Monat und verblutete nach der Geburt an Ebola. «Schwangere werden immer vernachlässigt», sagt Favre. «Nie kommen sie in Studien vor, weil man die Schwangerschaft nicht gefährden will. Und so müssen die meisten Medikamente off-label verschrieben werden.»

Oder sie werden für Schwangere zuletzt empfohlen – wie nun die Corona-Impfung, auch wenn ihr Risiko für eine schwere Krankheit oft höher ist.

Impfskepsis beruht meist auf Unsicherheit

Für die Impfskeptiker hat Favre aber Verständnis: «Die wenigsten hängen Verschwörungstheorien an, wie dass es nur darum gehe, Geld zu machen mit den Impfungen. Die Skepsis der meisten beruht auf Unsicherheit: Sie hören dies oder das und wissen am Ende nicht mehr, was sie glauben sollen.»

Favre hat letzte Woche drei Kollegen überzeugen können, sich zu impfen, nachdem er all ihre Fragen beantworten und Behauptungen widerlegen konnte. «Wir haben ein Kommunikationsproblem», sagt er, «nur deshalb kommt jetzt die Zertifikatspflicht.» Er gibt allerdings zu, dass man die Sachlage nur komplett verstehen könne, wenn man wie er darüber die Doktorarbeit schreibe. «Ein Allgemeinmediziner hat schon nicht mehr auf alle Fragen eine Antwort bereit.»

Favre hat in der Romandie Konferenzen zum Thema Impfung und Schwangerschaft organisiert und sagt: «Es ist schwierig, Zeit dafür zu finden, aber Information ist enorm wichtig.»

Quelle (kostenpflichtig):
https://www.tagblatt.ch/leben/impf-behauptungen-3-im-fakten-check-die-legende-der-hohen-fehlgeburtsrate-bei-geimpften-schwangeren-ld.2188413?reduced=true


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