Eine vor kurzem veröffentlichte Studie beweist: Social Media machen uns empörter und gefährden damit die politische Entscheidungsfindung. Social Media wirken wie ein Spaltpilz. Wer also spaltet wirklich unsere Gesellschaft?

Hierüber gab es kürzlich mehrere Berichte in den Medien. Zum Beispiel im Tagblatt und anderen CH-Media-Zeitungen.

Coronademonstrationen, Hass gegen den Bundesrat, Verleumdungskampagnen gegen Netzaktivistinnen: Es scheint, dass der Ton in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen seit Jahren rauer wird. Und die Gesellschaft in extremere Lager rutscht. Diese Polarisierung ist real – und hat viel mit den Algorithmen der Social Media zu tun. Forschende der Universität Yale haben nun erstmals wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Anreize der sozialen Medien den Ton unserer politischen Onlinegespräche verändern.

Die Autoren William Brady und Molly Crockett stellten ein Team zusammen, das eine Software für maschinelles Lernen entwickelte, die moralische Empörung in Twitter-Beiträgen aufspüren kann. In 12,7 Millionen Tweets von 7331 Twitter-Nutzerinnen und Twitter-Nutzern untersuchten sie mit der Software, ob die Nutzer im Laufe der Zeit mehr Empörung zum Ausdruck brachten, und, wenn ja, warum.

Die Schreiber von empörten Tweets werden belohnt

Das Team fand heraus, dass Twitter die Art und Weise, wie Menschen Beiträge posten, tatsächlich verändert. Nutzerinnen und Nutzer, die mehr «Likes» und «Retweets» erhielten, wenn sie in einem Tweet ihre Empörung zum Ausdruck brachten, äusserten sich mit grösserer Wahrscheinlichkeit auch in späteren Beiträgen empört. Viele Expertinnen und Experten monierten schon lange, dass die sozialen Medien negative Emotionen befeuern, die mittelfristig dazu führen, dass Menschen sich radikaler verhalten – der Beweis fehlte jedoch bis anhin.

Die Unternehmen bedienen sich verschiedener psychologischer Mechanismen. Unter anderem ist bekannt, dass das menschliche Gehirn auf Negatives schneller und heftiger reagiert – ein Überlebensimpuls, der über die Jahrtausende erhalten geblieben ist.

Das bedeutet, dass wir bei kontroversen Themen eher emotional reagieren. Die Algorithmen «belohnen» polarisierende Inhalte, die Wut und Enttäuschung und Angst hervorrufen, stärker als positive Inhalte, weil diese die User zu mehr Interaktion anstacheln. Und sie demzufolge länger und intensiver auf den Plattformen verweilen lässt. Das wiederum spült den Unternehmen mehr Geld in die Kassen, weil die Userinnen und User mehr Werbung zu Gesicht bekommen.

Gesellschaft wandelt sich – und polarisiert sich

Weil unser Gehirn plastisch ist, führt eine regelmässige Empörung zu einem Gewöhnungseffekt – wir lernen sozusagen, uns radikaler zu verhalten. So heizen sich die Userinnen und User auf Plattformen gegenseitig an.

Neurowissenschafterin und Mitautorin Molly Crockett schreibt dazu: «Angesichts der Tatsache, dass Empörung eine entscheidende Rolle für den sozialen und politischen Wandel spielt, sollten wir uns bewusst sein, dass Techunternehmen durch das Design ihrer Plattformen die Möglichkeit haben, den Erfolg oder Misserfolg kollektiver Bewegungen zu beeinflussen.» Ihre Daten zeigten, dass Social-Media-Plattformen nicht nur widerspiegeln, was in der Gesellschaft passiert. «Die Plattformen schaffen Anreize, welche die Reaktion der Nutzer auf politische Ereignisse im Laufe der Zeit verändern.»

Moralische Empörung habe, so die Autoren weiter, sehr wohl positive Auswirkungen auf das Wohl der Gesellschaft. Sie motiviere etwa dazu, Verfehlungen aufs Parkett zu bringen und den sozialen Wandel voranzutreiben.

Sie habe aber auch eine Schattenseite: So führe sie zur Belästigung von Minderheiten, zur Verbreitung von Desinformation und sie trage zur politischen Polarisierung bei, so die Forscher weiter. Sie appellieren an Entscheidungsträger und Politik.

Link zur Studie: https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abe5641