Die Neue Zürcher Zeitung hat am 13. August 2021 berichtet, dass «20 Prozent der Leute glauben, Bill Gates wolle ihnen einen Mikrochip einsetzen».

Nun wissen wir also endlich, wieso es momentan Lieferengpässe bei den Chips gibt – die werden alle für die Impfung gebraucht!

Spass beiseite. Marie-Astrid Langer befasst sich im Artikel auch mit der Frage, wer hinter den Falschinformationen zu Covid-19 in den sozialen Netzwerken steckt. Dazu hat sie Hany Farid befragt. Er unterrichtet als Professor an der Fakultät für Computerwissenschaften und der School of Information der Universität Berkeley in Kalifornien, die er zudem leitet. Als Experte für Falschinformation und Deepfakes hat er Programme wie Photo-DNA mitentwickelt, mit deren Hilfe Microsoft, Facebook, Twitter und Google heutzutage extremistische und kinderpornografische Inhalte im Netz aufspüren und offline nehmen.

Wir unterscheiden in der Forschung zwischen Fehlinformationen («misinformation») und Desinformation («disinformation»). Letztere führt die Menschen absichtlich in die Irre. Das sind etwa staatlich gestützte Akteure aus Russland, China oder Nordkorea, die das Ziel verfolgen, bewusst falsche Informationen zu streuen. Dazu zählen aber auch Leute, die Geld verdienen wollen, indem sie etwa silberhaltige Getränke anbieten, die angeblich eine Covid-19-Erkrankung heilen.

Daneben gibt es eine Gruppe ahnungsloser Leute, die das verbreiten, was wir Fehlinformationen nennen. Diese Leute wiederum glauben, dass die Informationen tatsächlich wahr seien. Sie sind einfach falsch informiert und bauen einen starrköpfigen Widerstand gegen die Wissenschaft auf.

Bei beiden Ansätzen werden die falschen Informationen über die sozialen Netzwerke von einer Masse von Menschen verbreitet, die gutgläubig retweeten, teilen, liken und kommentieren.

Das Problem ist global.

Wir haben eine globale Studie durchgeführt, bei der wir die Leute zu ihrem Grundwissen über Covid-19 befragt haben – 20 Aussagen, die klar falsch waren, und 20, die richtig waren. Die Tiefe und Breite der Falschinformation war verblüffend und weltweit gleich. 20% der Leute glauben, Bill Gates wolle ihnen einen Mikrochip einsetzen. 20%!

Am interessantesten war jedoch, dass es keine Korrelation zu Alter, Geschlecht, Bildungsniveau oder Weltregion gab. Die einzige Korrelation, die wir entdeckt haben, kam aus den USA: Die Wahrscheinlichkeit, falschen Informationen zu Covid-19 Glauben zu schenken, war signifikant höher, wenn man im politischen Spektrum rechts steht.

Prof. Farid gibt auch Einblick in die Strategien der Akteure, die Fehl- oder Desinformation online verbreiten:

Drei Grundsätze haben sich «bewährt»: Die beste Falschinformation hat immer einen Funken scheinbarer Plausibilität. Wir spekulieren in den USA seit Jahren darüber, dass es eine Verbindung zwischen Krebserkrankungen und Funktürmen geben könnte, obwohl es dafür keine Beweise gibt. Der Sprung war dann nicht mehr weit bis zur Verschwörungstheorie, dass die 5G-Türme eine Covid-19-Erkrankung auslösten.

Der zweite Baustein ist die Idee, dass es eine grossangelegte Verschwörung gebe, die Dinge vor dir verheimlichen wolle. Dass die Regierung dich irgendwie übers Ohr haue. Und drittens ist allen ein Gefühl der Überlegenheit gemein: dass nur du etwas weisst, was andere nicht wissen.

Eine wichtige Rolle für die Vitalität spielen die Algorithmen der sozialen Netzwerke, die die Nutzer möglichst lange auf der Plattform behalten (womit sie mehr Werbung verkaufen können), indem sie ihnen vor allem hoch emotionale Inhalte prominenter anzeigen, als sachlich nüchterne (und damit meist korrektere):

Je näher ein Beitrag an die Grenze des Erlaubten vorstösst, desto mehr bewegt er die Nutzer. Es ist immer ein Abwägen zwischen dem, was erlaubt ist, und dem, was Engagement auslöst. Facebooks eigene Untersuchungen haben gezeigt: Je freundlicher die Beiträge im Newsfeed sind, desto weniger Zeit verbringen die Leute auf Facebook. Und nicht nur dort – Influencern auf allen Plattformen ist gemein, dass sie meist exzentrisch sind. Empörende und anzügliche Beiträge ziehen Aufmerksamkeit auf sich.

Verschwörungstheorien und Falschinformation gibt es schon lange. Neu ist, dass den seriösen und überprüfbaren Quellen nicht mehr vertraut wird, dass die Nutzer sich erst gar nicht die Mühe machen, die Seriosität einer Information zu überprüfen.

Früher schienen Verschwörungstheorien recht harmlos – die Erde ist flach, die Mondlandung gab es nicht. Aber sie alle haben ein grundlegendes Misstrauen geschürt. Wenn uns heute belastbare Quellen sagen, was in der Welt passiert – Klimawandel, der Aufstand vom 6. Januar, die Corona-Pandemie –, dann gibt es eine signifikante Zahl von Leuten, die das schlichtweg nicht glauben.

Das Problem mit Deepfakes ist nicht nur, dass Falschinformationen produziert werden, denen man glaubt, weil man meint, in einem Video oder Foto eine tatsächliche Begebenheit und Bestätigung zu sehen. Das Problem ist auch,…

dass die Leute wissen, dass man theoretisch einfach falsche Inhalte erstellen kann. Wenn dann ein Video von George Floyds Tod auftaucht, behaupten die Leute, es sei gefälscht. Das sei gar nicht passiert. Die Leute nutzen also die Tatsache, dass man Deepfakes inzwischen leicht erstellen kann, um Tatsachen abzustreiten, die ihnen nicht in den Kram passen. Wenn du in einer Welt lebst, in der jede Audioaufnahme, jedes Video und jedes Bild gefälscht sein könnte, dann muss gar nichts mehr wahr sein.

Die sozialen Netzwerke nehmen ihre Verantwortung noch nicht genügend wahr.

Wir reden hier von Firmen, die zig Milliarden Dollar von Werbekunden einnehmen. Wie? Indem sie diesen vorschwärmen, welche bemerkenswerten Fähigkeiten und welche Informationen zu jedem einzelnen Nutzer sie hätten und dass sie die Werbung gezielt auf jeden zuschneiden könnten. Wie kann es also sein, dass man einerseits so klug bei der Datenauswertung und in Bezug auf die Nutzerbasis ist, dass man Milliarden von Dollar einnimmt – und wenn es um schädliche Inhalte geht, ist man auf einmal ein stümperhafter Idiot? Diese Darstellung überzeugt mich schlichtweg nicht.

Braucht es Regulierung als einzige Antwort?

Ich sage das widerwillig, denn eigentlich finde ich nicht, dass der Staat die Tech-Industrie regulieren sollte. Aber sie hat uns keine andere Wahl gelassen. Wir haben nett gefragt, wir haben im letzten Sommer Werbeboykotts versucht, wir hatten negative Schlagzeilen. Ohne Erfolg. Ich hätte es gut gefunden, wenn die Plattformen das Problem eigenständig gelöst hätten. Aber sie verdienen einfach so viel Geld mit ihrem jetzigen Ansatz. Facebook hat gerade erst mitgeteilt, dass es seinen Gewinn im Vorjahresvergleich verdoppelt habe.

Nun müssen wir die Firmen für den Schaden, den sie anrichten, zur Verantwortung ziehen. …

Wenn man sich als Firma entscheidet, aus einem Meer von Inhalten einzelne kontroverse auszuwählen, sie über Newsfeeds zu verbreiten, dazu Werbung zu schalten und so Geld zu verdienen, hat man eine Verantwortung. Haftbarkeit ist das, was Firmen in diesem Land zum Handeln bringt.

Die Menschheit vereint durch einen gemeinsamen Feind? – Schön wär’s…

Ich dachte immer, dass es, wenn eine Sache uns als Land und als Welt vereint, eine globale Bedrohung unserer Gesundheit sei. Mann, lag ich falsch. Ich weiss einfach nicht, wie wir als Gesellschaft weiter bestehen wollen, wenn wir uns nicht einmal darüber einigen können, was ganz grundsätzlich auf der Welt passiert. Das sage ich mit Blick auf die Pandemie, aber nicht nur. Vergangenes Jahr hatten wir schwere Waldbrände in Oregon. Einige Konservative haben sich geweigert, sich aus ihren Häusern evakuieren zu lassen – weil sie im Internet gelesen hatten, dass Antifa die Brände gelegt habe. Diese Leute waren buchstäblich bereit, zu verbrennen, weil sie dem Glauben schenkten, was irgendein Idiot zu Antifa gepostet hatte.

Wir bringen das Gerede von Ufos, Big Foot, flacher Erde auf ein ganz neues Niveau, wenn die Leute bereit sind, dafür zu sterben. Ich halte dieses Misstrauen gegenüber den Institutionen, Regierungen, Medien und Wissenschaften für sehr, sehr gefährlich.