Verschwörungsmärchenerzähler verbreiten gerne Geschichten von dunklen Mächten, die uns kontrollieren oder gar ausmerzen wollen. In der Regel finden solche Märchen Verbreitung unter Leugnern der Tatsache, dass der aktuelle, rasante Klimawandel vom Menschen verursacht wurde, unter Aktivisten, die in ihrem Umfeld Angst vor 5G verbreiten, unter Menschen, die dermassen Panik vor COVID-19 haben, dass sie die Pandemie durchweg abstreiten müssen und natürlich unter Impfgegnern. Damit soll nicht gesagt sein, dass jeder, der eine solche Position vertritt, Verschwörungsmärchen verbreitet. Aber es ist ein Fakt, dass der Prozentsatz an Verschwörungsmärchen-Gläubigen in diesen Gruppierungen deutlich höher ist, als im Rest der Bevölkerung.

Wir schreiben hier bewusst nicht von Verschwörungstheorien, sondern von Verschwörungsmärchen. Denn eine Theorie ist etwas, das durch Fakten gestützt wird, während ein Märchen völlig faktenfrei sein kann, was bei den meisten dieser Geschichte der Fall ist, wie z.B. das Märchen von Vögeln, die durch 5G angeblich getötet wurden (obwohl es gar kein 5G-Netz gab), das Märchen von COVID-19 durch 5G (auch hier gab es oft gar kein 5G-Netz), das Märchen, jemand habe zehntausende von Klimawissenschaftlern so unter Kontrolle, dass die sich auf ein Märchen geeinigt hätten, das sie uns als die Geschichte vom menschengemachten Klimawandel auftischen und viele Märchen mehr.

In diesem Zusammenhang lässt eine Geschichte aufhorchen, die eine echte Verschwörungstheorie darstellt. Denn dazu gibt es Fakten.

In mehreren Ländern haben Youtuber und Influencer bekannt gemacht, dass ihnen eine britische Agentur Geld für Kritik am Biontech-Impfstoff geboten hat. Spuren führen nach Russland. Zahlreiche Medien haben darüber berichtet. Z.B. das ZDF hier. Auch die NZZ hat das Thema in ihrer Printausgabe aufgegriffen:

Unbekannte versuchen zurzeit, mit der Hilfe von Influencern Falschinformationen über die Impfung von Pfizer/Biontech in Umlauf zu bringen. Mehrere Bloggerinnen und Youtuber aus Deutschland und Frankreich haben in den letzten Tagen E-Mails veröffentlicht, in denen sie gebeten werden, auf ihren Kanälen darüber zu sprechen, dass nach der Pfizer/Biontech-Impfung vermehrt Menschen sterben würden.

Dies ist nachweislich falsch. Das Produkt von Pfizer/Biontech ist bis anhin die Covid-19-Impfung mit der besten Reputation. Nebenwirkungen sind selten, der Schutz ist mit 95 Prozent sehr hoch, wobei alle hierzulande zugelassenen Impfstoffe eine hohe Wirksamkeit aufweisen. Die Risiken einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 überwiegen die Risiken der Impfung bei allen zugelassenen Impfstoffen.

Der französische Influencer Léo Grasset, dem auf Youtube mehr als eine Million Menschen folgen, berichtet, dass der Absender der Meldung anonym bleiben wolle und dass er dazu aufgefordert worden sei, ein allfälliges Posting mit der Falschinformation nicht als «gesponsert» zu kennzeichnen. Damit soll es so aussehen, als ob die Falschinformation tatsächlich seiner Meinung entspricht.

Französische Journalisten unter anderem der Zeitung «Le Monde» wollen eine russische Agentur namens Fazze als Quelle der Falschinformation identifiziert haben. Für die Verbreitung der Falschnachricht soll sie bis zu 2000 Euro bezahlen. Laut verschiedenen Zeitungen aus dem deutschen und dem französischen Sprachraum hat Fazze nicht auf Medienanfragen reagiert. Inzwischen hat das Unternehmen Kontaktangaben auf seiner Website gelöscht. Das Linkedin-Profil des Agenturchefs, das inzwischen nicht mehr online ist, habe darauf hingewiesen, dass das Unternehmen in Russland tätig gewesen sei, schreibt «Le Monde». Hinweise, dass Fazze mit der russischen Regierung zusammengearbeitet haben könnte, gibt es keine.

Beobachterinnen, die sich mit der Erforschung von Desinformationskampagnen beschäftigen, überrascht die mutmasslich russische Herkunft der Kampagne nicht. Schliesslich haben russische Akteure in der Vergangenheit immer wieder versucht, Zweifel an westlichen Institutionen zu säen. Das alarmiert Daniela Mahl, Kommunikationswissenschafterin von der Universität Zürich, die primär zu Verschwörungstheorien forscht. Wenn mit Falschinformationen zu Impfungen Angst und Unsicherheit geschürt werde, leide das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft. «Das ist brandgefährlich», sagt Mahl.

Wenn sich Personen nicht impfen lassen, weil sie auf Facebook gelesen haben, dass sie wegen der Impfung sterben könnten, gefährden sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Dass dabei Influencer für die Verbreitung von Falschinformationen eingespannt werden, beunruhigt Ali Tehrani, den Leiter des britischen Think-Tanks Astroscreen, der eine Art Frühwarnsystem für Falschnachrichten betreibt. Schliesslich sei Influencer-Marketing um einiges wirkungsvoller als traditionelles Marketing, schreibt Tehrani auf Anfrage.

Da sich im Moment die meisten Forschungs- und Früherkennungsprogramme auf gefälschte Social-Media-Profile und Bots fokussierten, werde das Influencer-Marketing als Vektor für die Verbreitung von Falschnachrichten stark unterschätzt, schreibt Tehrani weiter. Es sei «unglaublich einfach», echte Influencerinnen mit grossem Publikum für die Verbreitung von Falschnachrichten zu engagieren. Wie oft das passiere, wisse niemand. Tehrani geht aber davon aus, dass diese Art der Verbreitung in den kommenden Jahren stark zunehmen werde.

Nährboden Corona-Krise
Die Corona-Pandemie bietet den perfekten Nährboden für Verschwörungstheorien. In unübersichtlichen Krisensituationen sind Menschen besonders empfänglich für Geschichten und Theorien, die vorgeben, die Welt zu erklären. Laut dem Schweizer Wissenschaftsbarometer glauben 16 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer, dass «mächtige Leute die Corona-Pandemie geplant haben». 9 Prozent bezweifeln, dass es «Beweise für die Existenz des neuartigen Coronavirus» gebe. Laut Mahl zeigt die Forschung ausserdem, dass vor allem Menschen an Verschwörungstheorien glauben, die sich hauptsächlich über die sozialen Netzwerke informieren.

NZZ vom 29. Mai 2021

Der Tages-Anzeiger schreibt heute:

«Diese Kampagne ist Teil eines viel grösseren Problems», sagt Daniel Rogers, Cybercrime-Experte an der New York University und Projektleiter beim Global Disinformation Index (GDI). GDI ist eine britische Non-Profit-Organisation, die sich dem Kampf gegen Desinformationskampagnen widmet. Weil im Moment die ganze Welt über die Covid-Impfungen spreche, gebe es viele, die diese Debatten aus unterschiedlichen Gründen manipulieren wollten, erklärt er.

«Wir beobachten drei Haupttrends», sagt Rogers. «Erstens geht es um Aktionen, die geopolitische Ziele verfolgen und hinter denen Staaten wie Russland stecken.» Zweitens gebe es Versuche, mit Desinformationen Geld zu machen, und drittens handle es sich um politisch motivierte Aktionen rechter Kreise.

Schon seit einigen Monaten beobachten die Experten Kampagnen auf Social Media, die vor allem westeuropäische und amerikanische Impfstoffhersteller diskreditieren sollen. Ein Bericht der EU-Arbeitsgruppe «EU vs Disinfo» zeigte kürzlich allein für die vergangenen Monate mehr als hundert solcher Versuche in europäischen Ländern. Dahinter steckten meist russische Akteure. So versuchten sie unter anderem, die Europäische Medizinagentur (EMA) zu diskreditieren. «Die Dreistheit dieser neuen Kampagne, die sich an Youtuber richtete, hat mich allerdings erstaunt», sagt Rogers.

Weniger erstaunlich seien die Hintergründe. Plattformen wie Youtube haben in den letzten Wochen versucht, die Falschinformationen zu den Impfungen zu reduzieren. Eine Stichwortsuche zum Begriff «Impfen» führt nun als Erstes zu seriösen Quellen. «Also müssen sich die Impfgegner andere Strategien ausdenken», sagt David Broniatowski, Professor am Massachusetts Institute of Technology. Broniatowski zeigte schon 2018 in einer Studie, wie russische Twitterbots versuchen, die Anti-Impf-Propaganda im Westen anzuheizen. Es sei ein geschickter Schachzug, Youtuber, die eigentlich andere Themen hätten, für diese Botschaften zu gewinnen.

«Das eröffnet ganz neue Zielgruppen. Ich schaue beispielsweise ein Video über Make-up, und plötzlich kommt noch eine Botschaft zum Impfen», sagt Broniatowski. Ausserdem landen diese Videos nicht in den Fangnetzen des Algorithmus, der nach Desinformationen sucht. Das Onlinemedium Netzpolitik.org und das ARD-Magazin «Kontraste» haben die Hintergründe des aktuellen Falls recherchiert. So habe es in den Instruktionen für die Youtuber geheissen: «Verwenden Sie keine Wörter wie Werbung oder gesponsertes Video in ihren Beiträgen.»

Das Beispiel zeigt, dass Falschinformationen nicht immer einfach auf Missverständnisse oder mangelndes Verständnis einer komplexen Thematik zurückzuführen sind. Es kommt ebenfalls vor, was bis vor kurzem als eine weitere Verschwörungstheorie abgetan worden wäre: einzelne Akteure verbreiten ganz gezielt Desinformation wegen finanziellem Profit oder um ihre Macht zu erweitern oder zu erhalten.

Die Kampagnen gegen die Impfungen sind allerdings auch ein Geschäft, ein sehr lukratives sogar. Das zeigte kürzlich der Bericht «The Business of Anti-Vax», den das NGO Center for Countering Digital Hate (CCDH) herausgegeben hat. Mindestens 36 Millionen Dollar betrage der jährliche Umsatz der Impfgegner-Industrie, errechneten die Autoren des Berichts. Ihren Schwerpunkt hat diese Bewegung in den USA. Von dort schwappen die Inhalte vermehrt über den Atlantik.

«Wir beobachten einen konstanten Strom an extremistischen Inhalten nach Europa», sagt Rogers. Gerade auch Kreise, die der Verschwörungstheorie QAnon nahestünden, fassten vermehrt Fuss in Europa. Auch sie verbreiten Falschinformationen zu den Impfungen. Schon im letzten Jahr schätzte das CCDH, dass mehr als 30 Millionen Facebook-User Seiten mit falschen Impfinformationen folgen. Inzwischen dürfte die Zahl noch deutlich gestiegen sein.

«Auch in der Schweiz sehen wir in den letzten Monaten vermehrt Versuche, Desinformationen zu den Impfungen auf Social Media zu verbreiten», sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Edda Humprecht von der Universität Zürich. Humprecht ist Co-Leiterin bei einem Nationalfonds-Forschungsprojekt zum Thema Desinformation. Um mit diesen Inhalten Geld zu verdienen, sei die Schweiz aber ein zu kleiner Markt. Damit sich das lohne, müsse ein Land eine gewisse Grösse haben.

«Bei uns geht es vor allem um Gruppen, die aus ideologischen oder politischen Gründen handeln», sagt Humprecht. Dabei würden sich viele Themen vermischen. «Es geht um Verschwörungstheorien, Antisemitismus, Impfskepsis und eine allgemeine Aversion gegen sogenannte Eliten.» Auch in der Schweiz gebe es grosse Telegram-Communitys zu diesen Themen. Telegram ist ein privater Messenger-Service, auf dem viel grössere Gruppen möglich sind als auf Whatsapp. Auch bei den Anhängern der Bewegung «Freunde der Verfassung» tummelten sich viele Impfgegner.

Aktiv sind die Impfgegner neben Telegram auf verschiedenen Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram oder Youtube. Facebook hat vor einigen Tagen den Bericht «Combating Influence Operations» herausgegeben, in dem es um staatliche Einflussnahmen von 2017 bis 2020 geht. Auf Platz 1 landete Russland mit 23 grösseren Desinformationsnetzwerken, die Facebook in dieser Zeitspanne vom Netz genommen hat.

Trotzdem sind sich die Experten einig, dass die grossen Plattformen gegen den konstanten Strom an Desinformationen viel zu wenig unternehmen. Sowohl Facebook wie Youtube hätten sich zwar in den letzten Monaten bemüht, die Falschinformationen zur Pandemie aus den ersten Suchtreffern zu entfernen. «Aber sie reagieren immer nur, wenn sie unter Druck kommen», sagt Broniatowski.

Viel grundlegendere Reformen hält Cybercrime-Experte Rogers für nötig: «Für Facebook sind diese Themen nur ein PR-Problem.» Wirklich rütteln wolle der Social-Media-Gigant nicht an seinem Geschäftsmodell. Die Diskussionen um freie Meinungsäusserungen oder die Frage, wer denn entscheiden solle, was wahr oder falsch ist, sieht Rogers nur als Ablenkungsmanöver der Plattformbetreiber. Es wäre dringend nötig, klarere Regeln für die Social-Media-Giganten einzuführen, ist er überzeugt. «Schliesslich wissen wir, dass Desinformationskampagnen, gerade bei Covid-19, tödlich enden können.» In Norwegen steckte sich im April der Verschwörungstheoretiker Hans Kristian Gaarder mit dem Coronavirus an. Er hatte die Existenz des Virus geleugnet und starb an Covid-19.

Die Desinformationskampagnen werden also professioneller und suchen gerissene Wege, um die Faktenchecks zu umgehen. Denn es geht um viel Geld, das man mit den Ängsten der durch die Verschwörungsmärchen verunsicherten Bevölkerung machen kann.

Dies ist nun aber selbst kein neues Verschwörungsmärchen, denn es ist belegt, dass im Hintergrund Strippenzieher versuchen, den Westen mit Desinformation zu destablisieren.

Und in der Tat wird Desinformation zunehmend zum Problem für die westlichen Demokratien, deren Politik auf den Werten von Aufklärung und Wissenschaft aufbauen. Es droht eine weitere Polarisierung, wie wir sie in den USA schon mit Schrecken beobachten, inklusive aller fürchterlichen Konsequenzen.

Die Sicherheitslage ist weltweit und auch in Europa instabiler geworden. Die Schweiz will ihre Sicherheitspolitik noch stärker auf das veränderte Umfeld und neue Bedrohungen ausrichten. Vor diesem Hintergrund und ausgehend von einer umfassenden Analyse der Lage legt der neue Sicherheitspolitische Bericht die Interessen und Ziele der Schweizer Sicherheitspolitik für die nächsten Jahre fest. Der Bundesrat hat an seiner Sitzung vom 28. April 2021 die Vernehmlassung des Berichtes eröffnet.

… 4) freie Meinungsbildung und unverfälschte Information, damit die öffentliche und politische Diskussion in der Schweiz frei und transparent, gestützt auf Fakten, und ohne Desinformation, Beeinflussungsversuche und Propaganda durch staatliche oder von Stellen, die im Auftrag von Staaten handeln, erfolgen kann;

Neuer Bericht zur Sicherheitspolitik der Schweiz

Auch Frankreich ist aktiv geworden und schafft eine Behörde gegen Fake News.

Derweil könnten mehr Menschen geimpft werden, gäbe es diese Angstmache nicht.

Desinformation kostet Menschenleben.