Warum kein seriöser Wissenschaftler „mit Sicherheit“ sagt

Ein Gastbeitrag von Daniel Dreyer

Wissenschaft. Ein Job, den man verdammt ernst nehmen sollte. Vor allem als Wissenschaftler. Da nimmt man den Job nicht nur ernst, sondern auch sehr genau. Und wenn eins in der Wissenschaft sicher ist, dann, dass niemals etwas wirklich sicher ist – nichtmal das Wissen von heute.

Wissenschaftler nehmen Wissenschaft sehr genau. Das müssen sie auch. Schließlich stehen, je nach Forschungsgebiet, hin und wieder auch mal Menschenleben auf dem Spiel, mindestens jedoch immer ihre Glaubwürdigkeit, ihr Einkommen, die berufliche Existenz. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wer als Wissenschaftler wiederholt laufend nachweislich falsche Behauptungen aufstellt, fehlerhafte Forschungsergebnisse veröffentlicht oder Erkenntnisse als „die Wahrheit“ preist, ist kein Wissenschaftler.

Bild von ThisisEngineering RAEng auf Unsplash

Fragen, bis der Arzt kommt

Was tun seriöse Wissenschaftler also? Sie forschen, experimentieren, berechnen, sammeln sowohl Beweise und prüfen Gegenbeweise, sie hinterfragen – vor allem hinterfragen sie laufend sich selbst und ihre bisherigen Erkenntnisse, sie hinterfragen den heutigen Stand der Wissenschaft.

Dabei sind sie sich bewusst: Es wird immer etwas geben, was sie (noch) nicht wissen. Wissenschaftliche Erkenntnisse verstehen sich niemals als unumstößliche Wahrheit, sondern nur als Näherung an die Wirklichkeit – und das geben die Wissenschaftler sogar zu! Ein Wissenschaftlicher darf sich nicht zu schade sein, seine Erkenntnisse und Aussagen von gestern heute und morgen zu korrigieren. Es ist dieses Bewusstsein, in dem Wissenschaftler ihre Aussagen treffen. Leider liegt genau da das Problem, das große Missverständnis, das manche Zeitgenossen mit der Wissenschaft zu haben scheinen.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“
nach Sokrates

Nichts ist zu 100 % sicher. Nicht mal ein Vaterschaftstest. Dabei sehnen wir uns alle doch so sehr nach Sicherheit, nach der absoluten Wahrheit. Wenn wir diese noch nichtmal von Experten wie Wissenschaftlern bekommen, reagieren manche sehr enttäuscht, manche sogar feindselig (siehe Corona-Pandemie). Oder, ganz perfide: Manche nutzen die vorsichtige Ausdrucksweise der Wissenschaft zum Schüren von Ängsten und zum Verdrehen der Tatsachen. Dafür gibt es es einige weltbewegende Beispiele.

Restzweifel am menschgemachten Klimawandel? Let’s party!

„Der menschgemachte Klimawandel ist hinlänglich bewiesen.“ ist eine Aussage, die die Mehrheit der Klimaforscher unterschreiben würde. Tja, nun heißt „hinlänglich“ aber nicht dasselbe wie „mit 100%iger Sicherheit“. „Oho,“ denkt da der kritische (oder bequeme) Beobachter, „die Damen und Herren Wissenschaftler sind sich also gar nicht sicher und einig. Na, dann …“, und bucht den nächsten Kurzstreckenflug.

Und weil’s so schön war, nochmal ein Beispiel vom Klimawandel und dem paradoxen Verhalten Einzelner gegenüber der Wissenschaft: Äußert von 500 Wissenschaftlern nur einer seine Restzweifel am menschgemachten Klimawandel besonders lautstark, wird dessen Aussage mit einem Mal besonders viel Gewicht beigemessen. Weil (oder obwohl?) er ja Wissenschaftler ist. Aber mal ehrlich: Findet er Gehör, weil er ein brillanter Querdenker ist – oder, weil es bequemer ist, den bisherigen Lebensstil einfach nicht zu ändern?

5G…anz dünnes Eis!

Ein ähnliches Phänomen lässt sich bei der Diskussion über den neuen Mobilfunk-Standard 5G beobachten. Die hohe Nachfrage nach Mobilfunk einerseits und die diesbezüglichen Gesundheitsbedenken in der Bevölkerung andererseits haben dazu geführt, dass der Mobilfunk und dessen gesundheitliche Folgen in den Jahrzehnten seiner Nutzung intensiv erforscht wurden und werden. Der heutige Stand der Wissenschaft lautet: Trotz einzelner Hinweise hat sich kein Beweis für eine Gesundheitsschädigung durch Mobilfunkstrahlen finden lassen. (Quelle: Mobilfunk – ein Risiko? – Zum Stand des Wissens über mögliche gesundheitliche Wirkungen von Mobilfunkexpositionen)

„Trotz einzelner Hinweise hat sich kein Beweis finden lassen“ ist mal wieder wissenschaftlich vorsichtig formuliert, bedeutet praktisch aber schon eine Menge. Nämlich, dass kaum noch damit zu rechnen ist, dass solche Beweise noch gefunden werden. Würde man nun bei einem Wissenschaftler nachbohren, entstünde vielleicht folgender Dialog.

Interviewer: „Ist 5G gefährlich?“
Wissenschaftler: „Nach den Erkenntnissen der Wissenschaft: nein.“
Interviewer: „Sind Sie sicher?“
Wissenschaftler: „So sicher, wie man sein kann.“
Interviewer: „Aha!“ (Interviewer notiert: „Wissenschafter ist unsicher!“)

In einer Boulevardzeitung oder in einem Blog wird daraus, je nach beabsichtigter Wirkung bei der Zielgruppe, die Schlagzeile

„Wissenschaftler hält Gefahr durch 5G für möglich“,

auch wenn er das nicht explizit gesagt haben muss oder sich die „Möglichkeit“ auch nur im Rahmen von „höchst unwahrscheinlich“ bewegt. Kennen Sie den Satz: „Der Ehrliche ist der Dumme?“ Hier bewahrheitet er sich leider, denn der seriöse Wissenschaftler, der sich vorsichtig ausdrückt, wissenschaftlich professionell und im besten Sinne ehrlich, steht damit ziemlich dumm da.

Hinzu kommt die Neigung, je nach Interessenlage auch das Unwahrscheinliche überzubewerten. „Die Wissenschaft äußert Restzweifel? Dann lassen wir’s lieber bleiben!“ lautet dann die Devise, die das Vorsorgeprinzip ad absurdum führt und auch mit dem viel gerühmten gesunden Menschenverstand nicht viel zu tun hat. Dann nämlich wird sich weniger auf eindeutige Beweise gestützt, als auf die bloße Annahme, „da könnte ja noch was sein“, sprich: Es wird sich auf eine Befürchtung gestützt, auf den kleinsten Restzweifel, auf den Glauben an das höchst Unwahrscheinliche, manchen auch als Wunder bekannt. Gingen Polizei, Gerichte und Staatsanwaltschaften nach diesem Prinzip vor, dürfte kein Straftäter mehr im Gefängnis sitzen. Schließlich lassen ein rauchender Colt und ein glaubwürdiger Augenzeuge zwar „keinen begründeten Zweifel“ zu, aber „kein begründeter“ ist ja nunmal nicht dasselbe wie „überhaupt gar kein Zweifel“, oder? Und heißt es nicht „in dubio pro reo“?

Natürlich hinkt der Vergleich zwischen Wissenschaft und Rechtsprechung. Aber er beweist, wohin Rosinenpickerei bei wissenschaftlichen Fakten führen kann. Ob dieses Plädoyer jetzt den Schluss zulässt „in dubio pro scentia“, im Zweifel für die Wissenschaft, ist natürlich noch nicht restlos bewiesen. Aber wir forschen weiter, versprochen!


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