In der Limmattaler Zeitung gab es vor kurzem einen tollen Artikel über Diskussions- und Streitkultur, mit 10 Tipps von Katja Fischer de Santi zusammengestellt. Weil Verschwörungsideologien und Desinformationskampagnen unsere Gesellschaft zu spalten drohen, möchten wir diesem Artikel zur Verbreitung helfen und geben ihn hier im Original wieder.

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Die Welt ist so polarisiert wie seit langem nicht mehr. Das merkt man auch bei Diskussionen auf persönlicher Ebene. Mit diesen zehn Einsichten kommen wir aus dem argumentativen Stillstand raus.

1 Sie müssen nicht immer recht behalten

Die meisten Menschen wollen in einer Diskussion vor allem recht behalten. Funktioniert praktisch nie, weil es den meisten Menschen sehr schwerfällt, die eigene Meinung zu ändern. Wir konstruieren unsere Identität aus Werten, die es zu verteidigen gilt. Eine Meinungsänderung bringt das eigene Selbstwertgefühl ins Wanken. Deswegen gar nicht mehr zu streiten, ist für David Lanius aber keine Option. Der Philosoph ist Mitbegründer des Forums für Streitkultur. Für ihn ist klar: «Wir müssen lernen, besser zu streiten.» Sein wichtigster Ratschlag: «Versuchen Sie nicht zu überzeugen, sondern Ihr Gegenüber zu verstehen.»

2 Fragen Sie nach

Wer nachfragt, zeigt Interesse. Dar­um auf Parolen wie «Frauen sollten sich entweder für die Karriere oder das Kind entscheiden» nicht gleich hochrot anlaufen und «In welchem Zeitalter bist du den stecken geblieben?» rufen. Besser fragen «Wie kommst du drauf?» Damit signalisiert man den aufrichtigen Wunsch, die Position des Gegenübers zu verstehen. (Siehe Tipp 1) Die wichtigste Frage für eine gute Debatte ist: «Warum denkst du, dass…?»

3 Seien Sie neugierig statt beleidigt

«Der allerbeste Grund, in eine Diskussion einzusteigen, wäre der kooperative oder zumindest individuelle Er­kennt­nisgewinn», sagt David Lanius. Wer sagt, dass Ihre Meinung die richtige ist? Dass Sie alles darüber schon wissen? «Seien Sie offen und neugierig», rät er. Das echte Interesse an der anderen Person und am Thema sei die wichtigste Grundlage für eine gelungene Diskussion. Wenn beides nicht vorhanden ist, dann lohne sich eine Diskussion meist auch nicht, sagt Lanius (siehe Grafik rechts).

4 Versuchen Sie Meinung und Person voneinander zu trennen

Nur weil jemand nicht Ihrer Meinung ist, ist er kein schlechterer Mensch. «Wir sind ziemlich schlecht darin, Dissonanzen auszuhalten, und umgeben uns lieber mit Menschen, die gleicher Meinung sind», sagt Argumentationstrainer Lanius. Es sei möglich, einen Standpunkt abzulehnen, ohne die Person abzulehnen, die diesen Standpunkt vertritt.

5 Vergessen Sie Fakten und vor allem Studien

Trau keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast. Die Überzeugungskraft selbst von zutreffenden Informationen und Fakten sollte in Diskussionen nicht zu hoch eingeschätzt werden. «Zahlen werden in der Regel gar nicht erst wahr- und zur Kenntnis genommen, sondern einfach ignoriert, umgedreht oder passend gemacht», schreibt Bildungswissenschafter Klaus Peter Hufe in seinem weit verbreiteten Arbeitsheft «Argumentationstraining gegen Stammtischparolen». Fragen Sie lieber nach und stellen Sie persönliche Bezüge her: «Ist es Ihnen selbst schon einmal widerfahren, dass …?»

6 Versuchen Sie es mit Logik

Wenn Zahlen und Fakten nicht ziehen, so versuchen Sie es mit Logik, dafür sind praktisch alle Menschen empfänglich. Zum Beispiel: «Wie sicher kannst du denn sein, wenn du von Lügenpresse redest, dass du nicht selbst Lügen aufgesessen bist?» Oder machen Sie darauf aufmerksam, dass zwei Vorurteile sich widersprechen: «Den Ausländern» sagt man ja nach, sie seien faul und wollten nicht arbeiten, während man ihnen gleichzeitig zum Vorwurf macht, sie nähmen «den Schweizern» die Arbeitsplätze weg.

7 Brechen Sie Stereotype auf – auch Ihre eigenen

Nicht jeder, der den staatlichen Coronamassnahmen kritisch gegenübersteht, ist ein Verschwörungstheoretiker, und nicht jeder, der sich kritisch zum Impfen äussert, ein Esoteriker. «Über die anderen denken wir häufig in Stereotypen», sagt David Lanius. «Wir hauen uns Schlagworte wie ‹Impfzwang› oder ‹Coronaleugner› um die Ohren, anstatt uns einfach einmal richtig zuzuhören.» Das sei ein grosses Problem westlicher Gesellschaften und werde von Populisten wie Trump oder Putin befeuert. Unscharfe Labels wie «Verschwörungstheoretiker» oder «Rassistin» verunmöglichen oftmals eine echte Diskussion, weil sie abwerten und beleidigen.

8 Finden Sie Gemeinsamkeiten

In jedem Gespräch und mit jedem Gegenüber lassen sich Gemeinsamkeiten finden. Die meisten waren oder sind verunsichert durch das Auftauchen des noch wenig erforschten Coronavirus. Darauf lässt sich eine Diskussion aufbauen. Womöglich liegen Ihre Positionen weniger weit voneinander entfernt, als Sie dachten.

9 Belehren Sie nicht

«Sie haben das komplett falsch verstanden. Ich erkläre Ihnen mal, wie das mit dem Klimawandel wirklich geht.» Wer so diskutiert, der schürt die Eskalation geradezu. Er beleidigt das Gegenüber und demonstriert höhere Erkenntnis. Das kommt selten gut.

10 Deeskalieren Sie

In Diskussionen kochen häufig Emotionen hoch. Achten Sie darauf, dass Ihr Gegenüber sein Gesicht nicht verliert, wenn Sie Kritik üben. Bringen Sie gelegentlich Witz oder Ironie ein und sprechen Sie Ihre Gefühle und die des Gegenübers an. Sagen Sie so etwas wie «Ich merke, dass mich dieses Thema sehr wütend macht.» Wichtig ist in jedem Fall: ruhig bleiben. Und noch ein Extratipp: Sprechen Sie leise, das ist oft wirkungsvoller als der Versuch, andere mit Lautstärke zu übertönen.

Zum Artikel in der Limmattaler Zeitung:
https://www.limmattalerzeitung.ch/leben/diskutieren-statt-tueren-zuknallen-zehn-tipps-fuer-eine-konstruktive-auseinandersetzung-139103739

Quellen:
www.forum-streitkultur.de
www.argumentationstraining- gegen-stammtischparolen.de
Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation


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