In letzter Zeit sind immer wieder zu Verunglimpfungen von Forschern aufgefallen, wegen wissenschaftlicher Erkenntnisse, die im Widerspruch zu Meinungen von Skeptikern standen – vor allem von Menschen, die meinen, COVID-19 sei nicht schlimmer als eine Grippe („wenn es das Virus überhaupt gibt“) und der nicht mehr zu leugnende Klimawandel sei nicht menschengemacht.

In diesem Zusammenhang wurde uns ein Artikel zugestellt, der behandelt, wie Forscher mit teils unlauteren Methoden angegriffen werden, um Meinungen zu verteidigen, die im Widerspruch zur wissenschaftlichen Erkenntnis stehen. Auffällig ist das auch in einschlägigen Foren, zum Beispiel in einer Facebook-Gruppe für ein Referendum gegen das CO2-Gesetz.

Dass vor der Fälschung von Aussagen und Facebook-Profilen nicht zurückgeschreckt wird, ist eine bedenkliche Entwicklung. Sie wird vielleicht verständlich dadurch, dass der Umbau der Wirtschaft hin zu einer nachhaltigen und klimaneutralen Wirtschaftsweise diverse, mächtige Akteure in ihrer Existenz bedroht, wenn diese es nicht schaffen, sich rechtzeitig anzupassen. Man könnte also durchaus auf den Gedanken kommen, dass diese sich mit Desinformationskampagnen zur Wehr setzen, aber bis der Beweis dafür erbracht ist, gehört dies in den Bereich der Spekulation und Verschwörungsmythen.

Die NZZ hat am 09.03.2019 berichtet, wie Forscher angegriffen werden.

Ein paar Auszüge:

Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich, beschreibt die Angriffe auf seine Wissenschaft in fünf Stufen: lärmen, sabotieren, attackieren, diffamieren, bedrohen. Im Dezember hat er einmal mehr Stufe vier erlebt: diffamieren.

Es war in der Radiosendung «Kontext», die auf SRF 2 ausgestrahlt wurde. Darin beantwortete Knutti Fragen zum Klimawandel. Am Ende sagte die Moderatorin Monika Schärer: «Auf Ihrer Facebook-Seite habe ich den Satz gefunden: ‹Ich tue mein Bestes, um die Welt zu retten.› Was tun Sie konkret?»

Knutti hielt inne, um diesen Moment der Irritation so zu überspielen: «Ich bin nicht sicher, ob ich das gesagt habe.» Knutti hat nie ein Profil auf Facebook angelegt. Aber jemand anders.

Reto Knutti ist Professor für Klimaphysik und das Aushängeschild der Schweizer Klimaforscher. Das macht ihn zur Zielscheibe.

Gefälschtes Facebook-Profil, das eben nicht Prof. Knutti gehört

Das Facebook-Profil ist der zweite Angriff auf Knuttis Identität: 2017 hat die amerikanische Fake-News-Seite «Before It’s News» ein gefälschtes Interview mit dem Forscher veröffentlicht, das auch in Russland verbreitet wurde. Darin sagt «Knutti» den «Horror» einer bevorstehenden Apokalypse voraus, in prophetischen Sätzen wie «In der Schweiz haben Sie noch drei Jahre».

Klingt absurd, aber seriös genug, um Journalisten von Bulgarien bis Russland glauben zu lassen, Knutti habe diese Aussagen tatsächlich gemacht. Knutti, der die beiden letzten grossen Berichte des Weltklimarats als Hauptautor mitverfasst hat.

«Gangsterbande IPCC»

Und so hat sich jemand die Mühe gemacht, Knuttis Aussagen zu fälschen. «Das hat mich schon erschreckt», sagt er am Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich. «‹Die Gangsterbande des IPCC gehört ins Gefängnis›», zitiert Knutti aus den E-Mails von Kritikern. «‹Es ist eine Frage der Zeit, wann Sie an den Europäischen Gerichtshof gezogen werden.›»

Früher empfand Knutti solche E-Mails noch als unangenehm. Heute sagt er: «Schlimm ist, wenn Aussagen gefälscht werden und ich die Kontrolle über meine Argumentation verliere.» Weil das mitten ins Herz des Forschers zielt: seine Kompetenz.

Die Geschichte von Reto Knutti ist die von allen prominenten Klimaforschern dieser Welt. Immer dieselbe Handlung, mit austauschbaren Leugnern.

Einer von ihnen ist Paul Bossert, 80, der als ehemaliger Bauingenieur von Klimaforschung so viel Ahnung haben dürfte wie Knutti vom Häuserbau. Trotzdem beschwert er sich sogar bei Bundesräten über den Forscher. Oder beim ETH-Vizepräsidenten für Personal und Ressourcen: «Herr Knutti will den Nachweis einer Kausalität zwischen CO2 und Erderwärmung nicht bringen», schrieb er im Januar.

Bossert erfüllt dieselben Attribute wie fast alle, die in dieser Recherche eine Rolle spielen: Sie sind männlich, pensioniert oder emeritiert. Sie bezeichnen sich als wissenschaftlich kompetent, ohne etablierte Klimaforscher zu sein. Und sie säen Zweifel.

Man kann diese Männer in Kategorien einteilen: 1. Klimaleugner. Sie zweifeln an der Existenz der Klimaerwärmung oder am menschlichen Einfluss auf die steigenden Temperaturen. 2. Klimaskeptiker. Sie zweifeln an der Grösse des menschgemachten Anteils, den problematischen Folgen des Klimawandels und der Wirksamkeit von Schutzmassnahmen.

Der Subtext ist immer derselbe: Es gibt für sie keine wissenschaftliche Grundlage, die umweltpolitische Eingriffe rechtfertigen würde. Und so herrscht ein Schein-Krieg um wissenschaftliche Fakten, in Wahrheit ist es ein Krieg um Geld, Macht und Ideologien.

Mainstream? 1988 hat der Nasa-Forscher James Hansen dem amerikanischen Kongress die Auswirkungen des Treibhauseffekts erklärt. Als der wissenschaftliche Konsens viele Jahre später wieder infrage gestellt wurde, untersuchte die Historikerin Naomi Oreskes alle Studien, die zwischen 1993 und 2003 in Fachzeitschriften unter dem Stichwort «globaler Klimawandel» erschienen waren.

Keine der 928 begutachteten Arbeiten bestritt, dass der grösste Teil der beobachteten Erwärmung menschgemacht ist. Heute kommen 97 Prozent der Studien und meistpublizierenden Klimaforscher auch zu diesem Ergebnis.

Ab 1998 unterzeichneten über 31 000 sogenannte Wissenschafter eine Erklärung, die den menschgemachten Klimawandel für einen Schwindel halten. Unterschrieben wurde auch mit Namen wie Charles Darwin. Die National Academy of Sciences, die berühmteste Vereinigung der US-Wissenschafter, distanzierte sich von der Petition.

Dennoch wird sie bis heute als Gegenbeleg verwendet – auch in der Argumentation von Politikern. SVP-Nationalrat Walter Wobmann zum Beispiel verweist im Gespräch noch 20 Jahre später auf die «31 000 Forscher». «Ob der Mensch schuld am Klimawandel ist, kann niemand beweisen», sagt er. «Sein CO2-Ausstoss ist unbedeutend klein.»

Die «BAZ» bildet hierzulande mit der «Weltwoche» eine mediale Sturmfront gegen den wissenschaftlichen Klimakonsens.

Naomi Oreskes rät Wissenschaftern, sich öffentlich nur mit etablierten Forschern zu duellieren. «Ist das Gegenüber jemand, der alternative Fakten als Fakten präsentiert, hat man verloren», sagt die Harvard-Professorin am Weltwirtschaftsforum in Davos, wo sie mit der «NZZ am Sonntag» spricht. Skeptiker wollen ja gerade den Eindruck vermitteln, es gäbe etwas zu debattieren.

Oreskes hat mit dem Wissenschaftshistoriker Erik M. Conway ein Buch geschrieben, das sich wie ein Thriller liest. Es heisst «Die Machiavellis der Wissenschaft» und zeigt auf, wie seriöse Forscher von bezahlten Lobbyisten diffamiert und wie Kampagnen lanciert werden, um in den Medien Falschinformationen zu verbreiten.

«Die Menschen unterschätzen die Macht der fossilen Industrie», sagt Oreskes. «Sie tut alles, um ihre Interessen zu schützen.» Dabei wenden ihre Lobbyisten dieselben Strategien an wie einst die Tabakkonzerne: Seit den fünfziger Jahren belegen interne Untersuchungen, dass Rauchen schädlich ist und Krebs verursacht. Trotzdem konnte diese Wahrheit 50 Jahre lang verzerrt werden. Mit einer simplen, aber effektiven Strategie. Die von der Tabakindustrie engagierte PR-Firma Hill and Knowlton brachte es so auf den Punkt: «Zweifel ist unser Produkt.»

Argumentiert auch Markus O. Häring im Interesse der Industrie? Er hat für Shell auf der ganzen Welt nach Öl gesucht. In einem Interview mit der «Tageswoche» schwärmt er von Zeiten, in denen er mit über 500 Helikopterflügen einen Bohrturm in den peruanischen Dschungel transportierte.

Heute sagt er: «Ich werde von niemandem bezahlt.» Wer der anonyme Spender ist, der seine Bücher finanziert, will Häring beim Kaffee aber nicht sagen.

Auch die Skeptikerelite ist längst in der Schweiz angekommen. Auf Climate Depot, dem berühmtesten Leugnerblog der USA, stösst man auf einen Artikel über «A new research institute in Switzerland».

In Oberägeri wurde 2016 das Institut für Hydrografie, Geoökologie und Klimawissenschaften gegründet. Ziel sei, zu zeigen, wie es in der «BAZ» hiess, dass CO2 nicht zwingend der Haupttreiber der Erwärmung ist.

Das Institut ist ein Verein, der in einem Büro Platz hat und aus zwei privaten Forschern besteht. Einer von ihnen: Sebastian Lüning. … Erreichen kann man dem Geologen in Lissabon, wo er für das Öl- und Gasunternehmen Galp Energia arbeitet.

«Ich würde auch gerne mit Herrn Knutti arbeiten!»

Trägt man diese Botschaft an die ETH Zürich, ist Knutti mässig begeistert. Der Klimaforscher ist offen, überlegt aber genau, wofür er Zeit investiert und welche Veranstaltungen er besucht. Er versucht, möglichst sachlich zu sein und vor allem seinen Job gut zu machen. Das ist seine Strategie im Umgang mit Skeptikern und Leugnern.

… «Ich habe immer wieder versucht, mit solchen Personen zu diskutieren» sagt Knutti. «Weist man ihnen Fehler nach, schwenken sie auf neue angebliche Ungereimtheiten um.» Dafür fehlt die Zeit.

Soweit die wichtigsten Aussagen in diesem Artikel, der jedoch noch wesentlich mehr Informationen über verschiedene Skeptiker-Netzwerke enthält und sich liest, wie ein Krimi.

In ganzer Länge gibt es den Artikel hier.

Fazit: Skepsis ist gut, wenn sie echt und wenn man offen für neue Erkenntnisse ist. Wissenschaftlichem Konsens nur deshalb zu bezweifeln, weil er nicht zur eigenen Meinung passt, hat nichts mit Skepsis zu tun, sondern mit Realitätsverweigerung.

„Das Vernünftige ist, was allgemein für vernünftig und wahr gehalten wird. Davon abzuweichen, ist begründungspflichtig“, Christoph Bopp in der heutigen Limmattaler Zeitung.

Oder anders: wer einen breit abgestützten wissenschaftliche Konsens ablehnt, muss dies gut, nachvollziehbar und mit Fakten begründen können. Die Freiheit des Denkens ist unendlich, die Freiheit der Erkenntnis hingegen durch nachvollziehbare und überprüfbare Fakten begrenzt.


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