Dieser Blog basiert zum Teil auf dem New York Times-Artikel „How to Read a Coronavirus Study, or Any Science Paper„. Der Original-Text wurde an manchen Stellen ergänzt, an anderen gekürzt. Textpassagen aus dem Original sind kursiv gekennzeichnet.

Credit: lucasvasques.com.br, unsplash

In den letzten Monaten haben wir nicht nur die exponentielle Vermehrung eines Virus erlebt, sondern auch die fast exponentielle Vermehrung des Bedarfs an fundierter wissenschaftlicher Information, sowie auch eine massive Zunahme von öffentlich sich zu Verschwörungsmythen bekennenden Verschwörungsgläubigern. Wir haben aber auch – nach anfänglichen (und teils noch anhaltenden) Widerständen einiger Politiker und Behörden – eine massive Zunahme des Einflusses der Wissenschaft auf politische Entscheidungen gesehen.

Fast hätte der Schreibende „des Einflusses der Wissenschaft“ auf unseren Alltag geschrieben, aber der ist sowieso allgegenwärtig. Ohne Wissenschaft und das ihr zugrunde liegende Denken hätten wir keinen Strom, kein Internet, keine Handys, kein GPS und fast alles andere, was uns heute das Leben angenehm macht.

Als COVID-19 im Eiltempo Grenzen und Kontinente überwand, konnten wir live erleben, wie Wissenschaftler erste Vermutungen und Hinweise zu Ursache, Verbreitung und Bekämpfung entweder irgendwann als gesichertes Wissen bezeichneten oder wieder verwarfen, nur um neue Vermutungen – im Fachjargon Hypothesen – hervorzubringen und diese dann wieder zu verwerfen oder als gesichertes Wissen zu bezeichnen.

Helfen Masken jetzt oder nicht? Und ist Remdesivir nun ein geeignetes Corona-Medikament oder nicht? Mal heisst es so, mal so.

(Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Blogs heisst es, neueste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Remdesivir als Corona-Medikament taugt, aber nur, wenn es früh genug verabreicht wird. Früher war der Zeitpunkt noch unwichtig, dann hiess es, es würde gar nichts nützen…)

Für Menschen mit wissenschaftlicher Ausbildung ist dies ganz normal, für alle anderen Menschen ist das aber eher verunsichernd. Geht es bei Wissenschaft denn nicht darum, Wissen zu schaffen, das dann unverrückbar gültig ist? – So funktioniert Wissenschaft leider nicht.

Denn Wissen entwickelt sich von ersten Vermutungen und Indizien via überprüfbare Thesen und Experimente mit konkreten Ergebnissen hin zu gesicherten Theorien, die man dann irgendwann als „Wissen“ bezeichnet.

So war es auch bei COVID-19, über das die Wissenschaft Ende 2019 noch gar nichts wusste und bis heute noch immer viel zu wenig weiss. Aber wohl noch nie in der Geschichte der Menschheit haben sich so viele Wissenschaftler so schnell einem Thema zugewandt, wie bei COVID-19.

Mitte Januar begannen wissenschaftliche Arbeiten mit den ersten Details über das neue Coronavirus zu tröpfeln. Bis Ende des Monats staunte die Zeitschrift Nature, dass über 50 Arbeiten veröffentlicht worden waren. Diese Zahl ist in den letzten Monaten exponentiell angestiegen, wie es sich für eine Pandemie gehört.

Die Datenbank der National Library of Medicine enthielt Anfang Juni über 17’000 veröffentlichte Arbeiten über das neue Coronavirus. Eine Website namens bioRxiv, auf der Studien zu finden sind, die noch nicht von Fachkollegen begutachtet wurden, enthielt über 4.000 Arbeiten.

Früher hätten sich außer Wissenschaftlern nur wenige Menschen diese Arbeiten angeschaut. Monate oder Jahre, nachdem sie geschrieben wurden, landeten sie in gedruckten Zeitschriften, die in einem Bibliotheksregal verstaut waren. Aber jetzt kann die Welt auf der steigenden Flut der Forschung über das neue Coronavirus surfen. Die überwiegende Mehrheit der Arbeiten über dieses Virus kann kostenlos online gelesen werden.

Aber nur weil wissenschaftliche Arbeiten leichter zu bekommen sind, heisst das nicht, dass sie leicht zu verstehen sind. Sie zu lesen, kann für den Laien eine Herausforderung sein, selbst für jemanden mit einer gewissen wissenschaftlichen Ausbildung. Es ist nicht nur der Fachjargon, mit dem Wissenschaftler viele Ergebnisse auf engem Raum komprimieren.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen folgen eigenen, ungeschriebenen Regeln, die sich über Generationen entwickelt haben und die zu erheblichen Missverständnissen führen, wenn man sie nicht versteht.

Was heisst zum Beispiel, man habe Hinweise darauf, dass ein bestimmtes Medikament wirkt? – In der Regel heisst dies nichts anderes, als dass es entweder eine plausible Vermutung gibt oder man etwas gesehen hat, das aber auch Zufall sein könnte. Verabreicht man zum Beispiel 100 Patienten ein Medikament und 100 anderen nicht und sieht dann, dass es mehr Personen in der ersten Gruppe besser geht, als denen in der zweiten, dann kann das auch Zufall sein. Man muss dann klären, ob die Personen beider Gruppen sich ähnlich genug sind, um die Resultate wirklich vergleichen zu können, oder ob es zum Beispiel in der eine Gruppe mehr Raucher hatte und wenn, ob das genügend sind, um den Unterschied zu erklären, usw. Ein solcher Beweis, dass etwas wirkt, kann sehr schnell sehr kompliziert werden.

Deshalb gelten unter Wissenschaftlern Veröffentlichungen erst dann als gesichert, wenn sie nach den Regeln der Wissenschaft kritisch geprüft wurden. Von solchen Prüfungen hängt zudem ab, wo solche wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht werden. Man unterscheidet zwischen Plattformen zur Vorab-Veröffentlichung (ohne Prüfung) und solchen, die erst nach kritischer Prüfung veröffentlicht werden. Nur letztere haben den Ruf, ausreichend gesichertes Wissen zu verbreiten.

Als Naturphilosophen ihre Briefe an Zeitschriften des 17. Jahrhunderts schickten, entschieden die Herausgeber, ob sie veröffentlichungswürdig waren oder nicht. Aber nach 200 Jahren wissenschaftlichen Fortschritts konnten viktorianische Wissenschaftler nicht mehr in allen Bereichen Experten sein. Die Herausgeber von Zeitschriften schickten Beiträge an externe Spezialisten, die die Einzelheiten eines bestimmten Forschungszweigs besser verstanden, als die meisten Wissenschaftler.

Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich diese Praxis zu einer Praxis, die als Peer Review bekannt wurde. Eine Zeitschrift veröffentlichte ein Papier erst dann, wenn ein Gremium von externen Experten es für akzeptabel hielt. Manchmal lehnten die Gutachter das Papier rundheraus ab, ein anderes Mal verlangten sie die Behebung von Schwachstellen – entweder durch Überarbeitung des Papiers oder durch zusätzliche Forschung.

Der Peer-Review-Prozess kann lange dauern, denn das Papier wird von vorne bis hinten auf mögliche Fehler bei Experimenten, den gewonnenen Daten, Schlussfolgerungen und Formulierungen geprüft.

In der Regel beginnen Papiere mit einer Geschichte und geben eine Begründung für die neue Forschung, die sie enthalten. Die Autoren legen dann dar, mit welchen Methoden sie diese Forschung durchgeführt haben – wie sie Löwen belauscht haben, wie sie Chemikalien im Marsstaub gemessen haben. Dann stellen die Papiere Ergebnisse vor, gefolgt von einer Diskussion darüber, was diese Ergebnisse bedeuten. Die Wissenschaftler weisen in der Regel auf die Unzulänglichkeiten ihrer eigenen Forschung hin und bieten Ideen für neue Studien an, um zu sehen, ob ihre Interpretationen stichhaltig sind.

Dabei folgen sie einem bestimmten Jargon, den man kennen muss. Mehr darüber in einem folgenden Blog-Beitrag.

Interessant ist hier der Hinweis, dass die Wissenschaftler selbst es sind, die auf Unzulänglichkeiten ihrer eigenen Forschung hinweisen und Ideen für neue Studien anbieten. Sie zeigen damit, dass es ihnen daran gelegen ist, wirklich die Wahrheit zu finden und ihre Meinungen auch wieder zu ändern, wenn es neue Erkenntnisse gibt.

Darin unterscheidet sich Wissenschaft von Glauben. Oder, um es salopp zu formulieren: Wissenschaft ist, wenn ich vermute, dass im Kühlschrank ein Bier ist, ich nachschaue und mir anhand des Ergebnisses eine Meinung bilde. Glauben ist, wenn ich ich vermute, dass im Kühlschrank ein Bier ist und ich es nicht für nötig halte, nachzuschauen. Verschwörungsgläubigkeit ist, wenn ich behaupte, dass Bill Gates ein Bier in den Kühlschrank gestellt hat, meine Frau nachschaut und berichtet, dass da gar kein Bier ist und ich ohne nachzuschauen überzeugt bin, dass Bill Gates ihr schon einen Chip implantiert hat, um ihre Wahrnehmung und Gedanken zu steuern.


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